Boeing 737 erhält zweite Produktionslinie in Everett

17.06.2026    Quelle: Boeing         

Dass die Boeing 737 heute mit Abstand das erfolgreichste Produkt des Flugzeugherstellers Boeing ist, hat sich zu Beginn des Programms nicht unbedingt abgezeichnet. Das Urmodell, die Boeing 737-100, unternahm seinen Erstflug am 9. April 1967 und wurde im Februar des darauffolgenden Jahres durch den Erstkunden Lufthansa in Dienst gestellt. Die Version 100 wurde in nur gerade 30 Exemplaren gebaut, darin eingeschlossen der Prototyp, der heute am Boeing Field in Seattle im Museum des Herstellers ausgestellt ist. Erfolgreicher war die um zwei Sitzreihen verlängerte Boeing 737-200, deren Erstbesteller United Airlines mit 40 Exemplaren war. Ihre Entwicklung verlief parallel zur Version 100. Von der grösseren Boeing 737-200 und ihrer verbesserten Schwester Boeing 737-200 Advanced baute Boeing zwischen 1967 und 1988 1114 Stück, das letzte Exemplar wurde im August 1988 an Xiamen Airlines in China geliefert.

Wie die beiden Urmodelle wurden auch die nachfolgenden Generationen der Boeing 737 am Standort der ursprünglichen Montagehallen gebaut: In Renton, einem Vorort Seattles, südöstlich der Stadt direkt am Lake Washington gelegen. Sowohl die Boeing 737 Classic-Familie (Versionen -300, -400 und -500, als erste Boeing 737 mit effizienten und leiseren CFM56-Triebwerken ausgerüstet) wie auch die Boeing 737 Next Generation (Versionen -600, -700, -800 und -900) wurden vollständig in Renton montiert und führten nach der Endmontage und ersten Systemtests den knapp zehnminütigen Ferryflug nach Seattle Boeing Field durch, wo die abschliessenden Arbeiten am Flugzeug sowie die Flugtests stattfanden: Renton verfügt nämlich nur eine Nord-Süd-Piste von gerade einmal 1'640 Metern Länge, was für den Abflug einer Boeing 737 mit minimaler Zuladung und Betankung gerade so ausreicht.

Trotz den eher engen Platzverhältnissen des zwischen Hügeln, Wohngebieten und einem See gelegenen Renton Municipal Airport baut Boeing seit bald 60 Jahren sein Boeing 737-Modell. Die endmontierten Jets werden anschliessend mit einer der beiden immer selben zwei Werkimmatrikulationen in knapp zehn Minuten ins nahegelegene Seattle Boeing Field überflogen, wo die letzten Arbeiten an den Jets stattfinden. Hier rollt eine der unzähligen Inkarnationen der Boeing 737-Werkskennung N1787B zum Start auf der kurzen Piste von Renton. Sie wird später als Boeing 737-84P B-5463 an Hainan Airlines ausgeliefert, deren Farben im aus Kompositwerkstoffen gefertigten Seitenruder bereits sichtbar sind. Sie steht heute als Umbaufrachter bei der China Central Lunghao Airlines im Dienst (Lukas Lusser, Renton, 2.7.10).

Auch die aktuelle Generation der Boeing 737 MAX wurde bislang am traditionellen Standort Renton montiert, wo die Boeing 737 nunmehr seit 59 Jahren ununterbrochen gebaut wird - das alleine ist schon ein beinahe unvorstellbarer Erfolg der «Baby-Boeing» oder des «Bobby», wie Lufthanseaten das Muster in Anlehnung an ein Flugzeugbuch für Kinder nennen. Und ein Ende ist nicht in Sicht, denn ab 6. Juli 2026 wird zusätzlich zu Renton eine weitere Montagelinie für die Boeing 737 MAX hinzukommen, die Boeing im Norden ihres Werks in Everett Paine Field baut. Konkret wurden dort in den vergangenen Jahren die Montagehallen und -Stationen, die ebenfalls seit Ende der 1960er Jahre und bis zum Programmende im Januar 2023 für den Bau der Boeing 747-Grossraumjets genutzt wurden. An ihrer Stelle wird Boeing nun in der sogenannten «Everett North Line» schrittweise den Bau der längsten MAX-Variante, der aktuell noch nicht zertifizierten Boeing 737-10 MAX ansiedeln. Der Flugzeughersteller liegt mit der von Grosskunden wie United Airlines und Ryanair schon längst erwarteten -10 MAX als Folge der Covid-Lockdowns und des zeitweisen Groundings der Boeing 737 MAX nach den Abstürzen bei Lion Air und Ethiopian Airlines arg im Verzug. Deshalb soll die Produktion, die derzeit noch auf 47 Einheiten pro Monat limitiert ist, dank der zweiten Montagelinie schrittweise hochgefahren werden, wobei die bisherige Produktionsrate am Standort Renton beibehalten und der Zuwachs von der «Everett North Line» gestemmt werden soll. 

In einer ersten Anlaufphase werden in Everett nur wenige Einheiten montiert, um ein sicheres Einspielen der Abläufe und Prozesse unter enger Aufsicht des Luftamtes FAA sicherzustellen. Ab Beginn des Jahres 2027, wo auch die Zertifikation der -10 erwartet wird, soll die Anzahl der in Everett gebauten MAX von Monat zu Monat gesteigert werden, wobei das FAA die jeweiligen Obergrenzen setzen und beaufsichtigen wird. Boeing spricht gegenwärtig von einem mittelfristigen Ziel von über 60 Flugzeugen monatlich, die von den beiden Produktionsstandorten gefertigt werden sollen, um den bestehenden Rückstand gegenüber den Kunden abbauen zu können.